Und auf einmal bist du mitten drinnen …

Eine liebe Freundin meines Lebensgefährten hat uns eine beeindruckende, inspirierende und berührende Geschichte erzählt, die unbedingt hinaus in die Welt getragen werden will.

Wie alles begann …

Vor Jahren haben diese Freundin und ihr Mann (ich nenne sie hier R&P) eine albanische, heute seit 13 Jahren in Österreich lebende und gut integrierte Familie – Vater, Mutter und zwei Jungs – unterstützt, humanitären Aufenthalt in unserem Land zu bekommen.

Der Bruder dieses Familienvaters lebte bis vor kurzem in Kumanovo. Einmal kam er nach Österreich zu Besuch, um seinen Bruder und dessen Familie zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit haben ihn auch R&P kennengelernt.

Aufgrund der Überfälle in Kumanovo, die vor wenigen Wochen stattgefunden haben, verließen der Bruder gemeinsam mit seiner Frau und den zwei Kindern ihre Heimat, in der sie alles zurücklassen mussten, und flüchteten nach Österreich, wo sie in einem Erstaufnahmezentrum, ganz in der Nähe vom Wohnort des Bruders, untergebracht wurden.

Die beiden Familien konnten sich, unabhängig von all den herausfordernden Umständen, immerhin besuchen.

Doch eines Tages kam ein Anruf, dass die geflüchtete Familie in einen Bus einsteigen sollte, um in ein anderes Bundesland „weitertransportiert“ zu werden (dieses schockierende Wort wurde genau so benutzt).
Auf Nachfrage bei der zuständigen Volkshilfe, ob später eine Rückkehr möglich wäre, kam die (wenig weiterführende) Antwort, dass es kein Abkommen zwischen diesen beiden Bundesländern gibt.

Da kamen R&P ins Spiel …

Sie wurden von der Schwägerin des geflüchteten Bruders gebeten, mit den zuständigen Stellen zu telefonieren, um zu erreichen, dass die Familie nicht in diesem Bus mitfahren muss. Die beiden haben daraufhin sofort reagiert und sich persönlich auf den Weg zum Erstaufnahmezentrum gemacht.
Während der Fahrt mussten sie einer Mitarbeiterin des Erstaufnahmezentrums telefonisch bestätigen, tatsächlich bald persönlich vor Ort zu sein. Die Familie wurde nämlich in der Zwischenzeit als „Transferverweigerer“ bezeichnet (auch dieses Wort wurde genau so benutzt).

Dort angekommen – Zitat R.: „Und auf einmal bist du mitten drinnen …“ – wurden sie von einer sehr netten, jungen Frau empfangen. Sie teilte R&P mit, dass sie nur zwei Möglichkeiten sieht: Entweder die Familie steigt sofort in diesen Bus ein oder R&P nehmen die vier-köpfige Familie mit.

R&P haben daraufhin sofort entschieden, alle bei sich aufzunehmen.

Voraussetzung war allerdings eine Unterschrift, dass die Familie dadurch aus der Grundversorgung herausfällt und in ihre Privatversorgung übergeht.
Als diese bürokratischen Hürden genommen und alle ins Auto gestiegen waren – erzählte mir R. – kam für sie persönlich der schwierigste Moment:
Nämlich in die vielen Gesichter zu sehen, die in diesem Erstaufnahmezentrum zurück bleiben mussten. In den Blicken lag so viel Traurigkeit und Ungewissheit. Diese Augen würde R. ihr Leben lang nicht vergessen.

Als ich R. an dieser Stelle meinen Respekt für ihr Handeln ausspreche, beschwichtigt sie großzügig und meint, dass es so Vieles geben würde, was es leichter macht:

  • Sie habe genügend Platz zuhause.
  • Die Familie und die Kinder waren vom ersten Lachen an vertraut gewesen, auch weil sie den Mann beim Besuch vor vielen Jahren bereits kennengelernt hatte.
  • Alle sind so lieb, brav, gut erzogen, zurückhaltend und so dankbar.
  • Außerdem helfen die beiden Familien wunderbar zusammen und übersetzen, wenn das wenige Deutsch und Englisch einmal nicht ausreicht.

R. erwähnt auch, wie sehr sich die in ihrem Ort zuständige Volkshilfe einsetzt, sie jederzeit bei allen Fragen unterstützt und wie wichtig es ist, gut vernetzt zu sein.

Die Kinder gehen bereits in die Schule. Die Erwachsenen besuchen einen Sprachkurs. Der Jüngste ist im ansässigen Fußballverein aufgenommen, hat einen Spielerpass und letztens bei einem Spiel 2 Tore geschossen.

 

Die Zahl der Asylsuchenden steigt weiter. Die Unterkünfte sind überfüllt. Neue zu finden, gestaltet sich schwierig, auch weil sich viele Gemeinden gegen Asylzentren wehren.
Die einfache Frage ist, wo sind Räume, wer spendet Geld und wer hat Zeit?
An dieser Stelle sind wir alle gefragt.
Wir alle können einen Beitrag leisten, um das Problem zu lösen und weiteres Leid und Chaos zu vermeiden.

 

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